rossini01Ein Sonntag im Dezember 2004. Mein Mann und ich sind auf dem Weg nach Hause, als ein roter Jungkater (nein, nicht Rossini) vor unserem Auto die Durchgangsstraße eines Nachbarortes überquert. Er ist sichtlich angeschlagen, wirkt apathisch, wie weggetreten. Wir halten an um nach ihm zu sehen. In der Einfahrt, in die er läuft, kriecht eine rot-weiße Katze unter einer Treppe hervor, zwei etwa 9 Wochen alte Abbilder ihrer selbst im Schlepptau.

"Sind sie wieder über die Straße gelaufen?" fragt mich die Anwohnerin, die gerade aus dem Hinterhof kommt. Und während sie berichtet, dass die Katzen wohl auf einem Hof in der Nachbarschaft geboren seien, dort aber nicht versorgt würden, läuft der kleine Kater wieder auf die Straße und vors nächste Auto.

Der Fahrer jagt ihn laut schimpfend davon, aber der Kater ist zu schwach um davon groß Notiz zu nehmen. Ich hole einen Kennel aus dem Auto und packe das Tierchen ein. Dann widme ich mich noch einmal der Mutterkatze und erfahre, dass sie ihre Sprösslinge unter der Eingangstreppe großzieht, nur 5 Schritte von der Straße entfernt, die ihr bereits zwei der fünf Kinder geraubst hat. Ein Katerchen wurde wohl von den Anwohnern ins Dorf verschenkt.

Es ist November und ziemlich kalt. Die Mama schmiegt sich an meine Beine, als wolle sie mich bitten, sie auch mitzunehmen. Nur wohin mit ihr und den Kindern? Alle Pflegestellen des Vereins sind zum Bersten voll. Doch hier haben sie keine Chance. Ich hoffe darauf, dass beim nachmittäglichen Arbeitstreffen jemand eine Idee hat, wen man dafür gewinnen könnte, als Pflegestelle für diese kleine Familie zu fungieren, und steige schließlich schweren Herzens zu meinem Mann und dem kranken Katerchen ins Auto.

Leider lässt sich niemand finden, der sich der Tiere unterbringt, dennoch fahre ich voller Sorge noch einmal nach Calden. Als ich ankomme, liegt es vor mir auf der Straße: das dritte tote Baby. Weinend lese ich den noch warmen Körper auf und beschließe, dass die Mama und ihr einzig verbleibender Sprössling da weg müssen – egal wohin! Ich hole meine Makrolonfalle, denn der Kleine ist absolut scheu und nicht anfassbar.

rossini16Auf der Heimfahrt liegen beide schnurrend in der Falle, der Kleine zufrieden suckelnd an der Zitze seiner Mama. Daheim angekommen, packe ich sie erst einmal ins Gäste-WC, von der Größe optimal zur Zähmung des Kleinen und zudem gut zu desinfizieren. Natürlich sind sie verfloht und verwurmt, und es zeigen sich leichte Schnupfensymptome. Sie werden also erst einmal bleiben, bis sie fit sind und sich eine Pflegestelle findet, und so taufe ich sie Zoe und Rossini.

Bereits am nächsten Tag gelingt es mir, Rossini statt der anfänglichen Faucher einen Schnurrer zu entlocken – das Eis ist gebrochen! Es ist den beiden abzuspüren, dass sie froh sind, ein warmes Plätzchen und einen gefüllten Napf zu haben.

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Während sie ihren Schnupfen kurieren und es ihnen zunehmend besser geht, muss ich meine Zustimmung zur Einschläferung von Mio, dem roten Jungkater geben, der mich zu ihnen geführt hat: Feline Leukämie (FeLV, umgangssprachlich Leukose genannt) im fortgeschrittenen Stadium. Er befindet sich bereits im Siechtum.

Ich weiß nicht, was ich zuerst tun soll - um den Kater weinen oder mir Sorgen um Zoe und Rossini machen, dass sie ebenfalls infiziert sind?

Leider ist noch immer keine Pflegestelle in Sicht, und so müssen die beiden länger als geplant im Gäste-WC sitzen. Aber besser in einem Gäste-WC als tot auf der Straße! Und sie fühlen sich trotz der Enge sehr wohl, das ist ihnen abzuspüren! Keinerlei Drang nach draußen, kein Gejammer. Sie sind sowas von pflegeleicht!

Als sie fit genug sind, bringe ich sie zur Kastration und lasse noch einmal Blut für einen weiteren Leukosetest abnehmen. Bereits beim ersten Tierarztbesuch hatte ich Zoe mittels Schnelltest testen lassen. Das Ergebnis war negativ. Aber angesichts der nachgewiesenen Leukose des kleinen Katerchens Mio, der ja mit ihnen zusammen an dem Haus lebte, will ich ganz sicher gehen und beauftrage einen PCR-Test, der das Leukose-Virus auch nachweisen kann, wenn es sich bereits aus dem Blut ins Knochenmark zurückgezogen hat und der Antigen-Test negativ ausfällt.

rossini03Drei Tage später erhalte ich das niederschmetternde Ergebnis: Zoe ist positiv...
Rossini nicht - was entweder bedeutet, dass er sich noch in der so genannten Blindphase befindet (während der Inkubationszeit fällt der Test negativ aus, auch wenn das Tier bereits infiziert ist), oder, dass er das Virus bereits eliminiert hat, oder dass er sich noch nicht infiziert hat.

In letzterem Fall wäre es absolut notwendig, ihn von der Mama zu trennen, um ihn vor der drohenden Infektion zu bewahren. So rotiere ich, einen Einzel-Pflegeplatz für Zoe zu finden.

Eine liebe Familie zwei Straßen weiter, für die ich gerade ein Fundtier vermittelt habe, erklärt sich bereit, Zoe in Pflege zu nehmen. Es fällt mir schwer, sie zu trennen, aber ich weiß, dass ich Rossini diese Chance auf ein gesundes Leben schuldig bin. Nun heißt es einige Wochen warten, und ihn erneut testen zu lassen. Aber erst einmal wird er umgesiedelt – er zieht zwei Stockwerke höher in mein Büro, welches ich kurzer Hand als Quarantänezimmer umfunktioniere. Außerdem packe ich mir eine Matratze ins Büro, um nachts bei ihm schlafen zu können, damit er so wenig wie möglich allein dort oben ist. Er ist ein Baby und braucht Gesellschaft, damit er nicht vereinsamt! Fortan spielt sich mein Leben überwiegend im Büro ab, während mein Mann sich die meiste Zeit allein um die anderen 7 Katzen kümmern muss.

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Es vergehen einige bange Wochen, in denen Rossini durch den Glasausschnitt der Tür schon einmal Kontakt zu den anderen Katzen aufnimmt. Zwar sind die anderen geimpft, doch weiß man, dass die Impfung nur bedingt schützt, wenn die Tiere dem ständigen Virusload ausgesetzt sind.
Außerdem ist da noch unser Luca, der aufgrund seiner CNI nicht mehr geimpft werden darf.

Rossini ist fit, spielt und tobt, und ich gebe mich dem Wunschdenken hin, dass der Wiederholungstest auch diesmal wieder negativ ausfällt.

Im Januar ist es soweit. Voller Hoffnung bringe ich Rossini zur Blutabnahme, mit den Überlegungen, dass er bei einem negativen Test künftig mit den anderen Katzen im Haus und im Garten laufen soll.

Doch leider wird nichts aus meinen Plänen: Der Test fällt diesmal positiv aus! Ich spreche mit dem Labor, ob das Ergebnis auch wirklich gesichert ist und keine Verwechslung der Probe vorliegen kann. Man versichert mir, die Qualitätsprüfung habe das Ergebnis bestätigt.

rossini06Ich bin niedergeschlagen. Eine positive PCR bedeutet nach dem derzeitigen Kenntnisstand der Virologen, dass eine Eliminierung des Virus' nicht mehr möglich ist, da bereits eine Eintragung ins Genom erfolgt ist.
Zu wissen, dass dieser kleine, liebenswerte Kerl vielleicht nur noch kurze Zeit zu leben hat, macht mir enorm zu schaffen, und während ich versuche, ein Zuhause für ihn zu finden, in dem bereits ein anderes FeLV-positives Tier lebt, welches Gesellschaft wünscht, suche ich nach Informationen über die medizinischen Möglichkeiten.

Zwei mir gegenüber durch das Labor getätigte Aussagen bezüglich der Zeiträume einer möglichen Eliminierung des Virus´ und der Aussagekraft der PCR widersprechen sich meiner Ansicht nach. Ich weigere mich daher, zu glauben, dass eine positive PCR eine Eliminierung unmöglich macht, und nehme mir vor, Rossini nach einer gewissen Zeit noch einmal testen zu lassen, obwohl man mir rät, mir keine falschen Hoffnungen zu machen.

rossini07Anfang Juni lassen mich die Ereignisse einen erneuten Test zunächst aufschieben: Wir verlieren Mimi und Luca innerhalb von nur 26 Stunden, und ich sehe mich vorerst nicht in der Lage, einen weiteren Tiefschlag einzustecken.

Im Juli 2005 erfahre ich dann vom Labor, dass es neue Kenntnisse in Sachen PCR-Test gibt. Es läuft eine Studie am Robert-Koch-Institut, in der sich zeigt, dass man mit dem bisherigen Wissensstand wohl noch ziemlich am Anfang steht. Die Einzelheiten lassen neue Hoffnung in mir aufkeimen: Jetzt oder nie! Ich lasse Rossini erneut testen.

Als der Befund in meine Mailbox flattert, bleibt mir vor Freude fast das Herz stehen: Beide Tests (ELISA und PCR) fallen diesmal negativ aus. Ich rufe sofort im Labor an und frage, ob das Ergebnis gesichert ist. Man sagt mir, dass keine Verwechslung möglich sei, da an diesem Tag nur zwei Proben eingingen, welche beide negativ ausfielen.

rossini13Mein Mann und ich feiern an diesem Tag nicht nur unseren Hochzeitsstag, sondern auch Rossinis "zweiten Geburtstag".

Wir öffnen die Tür des Quarantänezimmers, und Rossini darf zum ersten Mal zu den anderen ins Haus und in den abgesicherten Garten. Die Freude auf beiden Seiten ist groß!

Schnell steht die Entscheidung fest: Nach all dem geben wir Rossini nicht mehr her, wenn die Zusammenführung mit den anderen gelingt und die Tiere sich gut vertragen.

rossini12Rossini lebt sich sehr schnell ein und freundet sich mit den anderen an. Carino und er waren vom ersten Tag an die dicksten Kumpel. Sie hatten sich bereits während der Quarantänezeit durch die Glastür angefreundet, hatten sich oft an der Tür aufgelauert und "Fangen" gespielt, obwohl die Scheibe zwischen ihnen war. So eine Katerfreundschaft erlebt man wirklich selten! Sie raufen und rangeln, dass sich die Balken biegen. Und wenn einer von ihnen in den Garten geht, ruft er dort solange, bis der andere auch zum Toben raus kommt.

Nachtrag:

Als ich Rossini einige Zeit später in der Tierärztlichen Hochschule Hannover beim Zahnspezialisten vorstellte, verlangte man dort noch einen weiteren Test, der ebenfalls negativ ausfiel. Und auch Rossinis Mama Zoe, die ihre Pflegefamilie so sehr um die Pfote gewickelt hat, dass sie von dieser adoptiert wurde, wodurch sie weiterhin in der Nachbarschaft wohnt, hat es geschafft, das Virus zu besiegen! Ihre beiden Wiederholungstests fielen später ebenfalls negativ aus, so dass sich auch für sie die Tür zum Garten öffnete und sie ein ganz normales Freigängerleben führen darf!

Sini 1

Das ist Rossini im Herbst 2017, inzwischen also 13 Jahre alt. Wir haben es dem kleinen Mio zu verdanken, dass Rossinis Leben nicht so endete wie seines. Traurig ist nur, dass er es nicht auch schaffen durfte! Aber wäre Mio nicht in sichtlich angeschlagenem Zustand vor uns über die Straße gelaufen, dann würde Rossini heute wohl nicht mehr leben. Entweder hätte auch ihn ein Auto erwischt, so wie seine drei Geschwister, oder die Leukose hätte ihn dahin gerafft, so wie Mio. Denn unter den harten Lebensbedingungen da draußen (keinen warmen Unterschlupf, kaum Nahrung, durch Katzenschnupfen geschwächt....) hätte er wohl kaum das Virus eliminieren können!

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