litlaIst die Farbe der Schleimhaut, der Lidbindehaut oder des Zahnfleisches sehr blass, denkt man in den meisten Fällen  an eine Anämie, sprich Blutarmut. Veränderungen im Blut können durch eine Vielzahl von Krankheiten verursacht werden. Daher empfiehlt sich unbedingt eine Blutuntersuchung, wobei sich diese keineswegs nur auf Erkrankungen des Blutes oder des Knochenmarks beschränkt, sondern in der täglichen Praxis zu den häufigsten Routineuntersuchungen zählt, um z.B. Leber- oder Nierenprobleme erfassen zu können. Ferner ist zu bedenken, dass das Ergebnis nur den momentanen Status widerspiegelt. Es ist daher möglicherweise erforderlich, mehrfach Blut zu entnehmen.

Bei einer Anämie sinkt das Hämoglobin unter die untere Grenze des Referenzbereiches. Anämien werden in Blutungsanämien und symptomatische Anämien eingeteilt, bei Blutungsanämien wird wiederum zwischen akuten und chronischen Anämien unterschieden. Akute Blutverluste zeichnen sich durch den Verlust von mehr als 25% des Blutvolumens aus (20 ml/kg), und es kann zu Schocksymptomen kommen: Die Körperoberfläche fühlt sich kühl an, vor allem die Gliedmaßenenden, die Schleimhäute sind blass, die Herzfrequenz ist erhöht. Zum Schockverlauf werden die Nieren ausgeschaltet, mit der weiteren Folge von Blutungen im Darm. Letztendlich ist die primäre Versorgung der lebenswichtigen Organe nicht mehr gewährleistet, die Durchblutung verschlechtert sich zunehmend. Bei Volumenverlusten von über 40% tritt der Tod rasch ein. Die Therapie der akuten Blutungsanämie besteht in der möglichst raschen Blutstillung sowie im Volumen-/Flüssigkeitsersatz.

Die chronische Blutungsanämie ist durch fortdauernde geringgradige Blutverluste gekennzeichnet, die zunächst oft unbemerkt verlaufen. Dadurch kommt es zum Verlust von Eisen, dem normalerweise durch die fleischhaltige Nahrung entgegengewirkt werden kann. Bei länger anhaltendem Blutverlust entwickeln sich jedoch Eisendefizite, was insbesondere bei säugenden Katzen beobachtet werden kann. Aber auch Entzündungen des Magendarmtraktes, blutende Ulzera, Endo- oder Ektoparasitenbefall (Flöhe!!), chronische Blasenentzündungen können zu einer chronischen Blutungsanämie führen. Typische Symptome sind verminderte Lebhaftigkeit, beeinträchtigte Leistungsfähigkeit, erhöhtes Schlafbedürfnis. Die Schleimhäute der Lidbindehaut und des Zahnfleisches sind sehr blass bis porzellanweiß. Die Blutuntersuchung ergibt ein deutlich vermindertes Serumeisen. Wichtigste Maßnahme ist die Beseitigung der Ursache, d.h. Entwurmung, Flohbehandlung, Behandlung der Blasen- oder Darmentzündung. Gelingt dies, ist die Prognose durchaus günstig. Die Nahrung sollte eisenhaltig sein, was durch die Fleischfütterung normalerweise auch gewährleistet ist. Evtl. kann zusätzlich Eisen mit der Nahrung verabreicht werden.

Liegt eine aplastische Anämie zugrunde, ist von einer Knochenmarksschädigung auszugehen, wobei hier alle von der Knochenmarksstammzelle abstammenden Blutzellen betroffen sind. Bei der Katze sind eine Reihe von Substanzen knochenmarksschädigend, wie z.B. bestimmte Antibiotika oder Zytostatika. Ein weiterer Auslöser der aplastischen Anämie ist das feline Leukämievirus. Die erkrankten Tiere sind schwach, haben keinen Appetit und ein erhöhtes Bedürfnis nach Wärme. Fieber, Erbrechen und Durchfall können weitere Symptome sein. Um eine adäquate Behandlung zu ermöglichen, muss natürlich auch hier die Ursache abgestellt werden - soweit möglich.

Es existiert auch das Krankheitsbild der felinen infektiösen Anämie (siehe FIA), das durch Hämobartonella felis hervorgerufen wird, und entsprechend wird diese parasitäre Erkrankung als Hämobartonellose bezeichnet. Der Parasit greift die roten Blutzellen (Erythrozyten) der Katze an und zerstört diese. Die Lidbindehaut und die Zunge sind nicht rosafarben, sondern erscheinen blass bis weiß. In zunehmendem Verlauf sind die betroffenen Katzen lethargisch und magern deutlich ab. Die Milz ist vergrößert. Die Diagnose kann anhand eines Blutausstriches gestellt werden, was sich jedoch als schwierig gestalten kann. Möglicherweise können die Hämobartonellen fehlen; bei Verdacht muss die Blutuntersuchung dann wiederholt werden.

Die Hämobartonellose kann durchaus auch mit anderen anämischen Krankheitsbildern vergesellschaftet sein. Auch die Therapie erweist sich als problematisch. Mit einigen Substanzen kann die FIA gut unter Kontrolle gebracht werden. Es kann nötig sein, über mehrere Wochen Antibiotika zu verabreichen. Oftmals sprechen die Katzen gut auf die Therapie an; wird die Behandlung beendet, kann die Krankheit aber erneut auftreten. Es ist auch noch unklar, inwieweit und auf welche Weise sich andere Katzen infizieren können. Katzenbisse oder Flöhe können FIA übertragen, aber auch andere Übertragungswege werden diskutiert.

Unter dem Krankheitsbild der autoimmunhämolytischen Anämien (AIHA) versteht man Erkrankungen der roten Blutzellen, die bei Katzen hauptsächlich in Verbindung mit Infektionen durch das feline Leukämievirus (siehe FeLV) entstehen. Die AIHA resultiert in einer vermehrten Zerstörung der Erythrozyten (Hämolyse). Je nach der Primärerkrankung können mit Kortikosteroiden gute Erfolge erzielt werden.

Symptomatische Anämien sind Begleitsymptome verschiedener, meist schwerer Erkrankungen: Dazu zählen Leukosen, Tumorerkrankungen, chronische Infektionen z.B. durch eine vereiterte Gebärmutter (Pyometra) oder durch eine Entzündung des Bauch- oder Rippenfells. (Anmerkung der Webmasterin: Auch Organinsuffizienzen,, wie z.B. die der Nieren ziehen u. Umständen eine Anämie nach sich.) Auch die feline infektiöse Peritonitis (siehe FIP) spielt hier eine Rolle. Die Therapie besteht in der Behandlung bzw. Beseitigung der Ursache. Kann die Grunderkrankung geheilt oder zumindest gebessert werden, heilt auch meistens die Anämie. 

Dr. Astrid Heinl, © “Our Cats”

Wie sich der Körper an eine Anämie anpasst

Die Anämie ist ein Zustand, der sich durch eine unnormale Abnahme der Gesamtzahl der Roten Blutkörperchen im Körper auszeichnet. Es gibt zwei Möglichkeiten, was dabei im Körper abläuft. Die erste ist, dass die Anzahl der roten Blutkörperchen in dem gleichen Maße abnimmt wie das Blutvolumen. Das ist genau das, was passiert, wann immer eine heftige Blutung innerhalb eines kurzen Zeitraums auftritt, entweder von einer Wunde oder einer Krankheit (wie z.B. einem blutenden Geschwür).

Wenn das passiert, ist das Blut genauso dick und konzentriert wie es normalerweise ist, aber dem Körper steht weniger davon zur Verfügung. Das bezeichnet man als Anämie verursacht durch einen akuten Blutverlust.  Während dies ganz genau unserer Definition einer Anämie entspricht, ist es trotzdem eine eigene Kategorie, hauptsächlich deshalb, weil der Verlust der roten Blutkörperchen nur die zweite Geige spielt bei dem totalen Blutverlust.

Tritt eine akute Blutung auf, dann ist das Wichtigste, was die Ärzte tun müssen, das Blutvolumen zu erhalten, selbst wenn sie andere Flüssigkeiten als Blut dafür verwenden müssen. Das ersetzt zwar nicht die verlorenen Roten Blutkörperchen, aber es hält den Patienten davon ab, in einen irreversiblen Schock zu verfallen. Aus diesem Grund ist die erste Maßnahme, die ergriffen wird bei schwer verletzten Patienten, z.B. nach einem Unfall, dass ein intravenöser Tropf gelegt wird. Die intravenösen Flüssigkeiten können das im Körper zirkulierende Flüssigkeitsvolumen so lange auffüllen, bis der Patient in ein Krankenhaus kommt, wo ihm eine Bluttransfusion gegeben werden kann.

Die zweite Möglichkeit im Zusammenhang mit dem Verlust der roten Blutkörperchen ist die, die typischerweise bei allen Anämieformen gleich ist, außer bei akutem Blutverlust. Bei diesem Krankheitsbild verläuft der Verlust der roten Blutkörperchen langsam über einen Zeitraum von Wochen oder Monaten, so dass der Körper Zeit hat, sich daran anzupassen.

In diesem Fall beginnt der Körper mit seinen eigenen "intravenösen Flüssigkeiten" und fügt dem zirkulierenden Blutvolumen Wasser hinzu. Er macht das, indem er die Nieren dazu veranlasst, das Wasser zurückzuhalten, das durch normales Trinken aufgenommen wird. Je mehr Wasser dem Blutplasma hinzugefügt wird und je mehr die Anzahl der roten Blutkörperchen abnimmt, um so dünner wird das Blut, also weniger sirupartig sondern wässriger.

Bis zu einem gewissen Punkt ist das eine gute Anpassung. Denn dünneres Blut kann durch die winzigen Kapillaren schneller als dickes Blut fließen, und in den frühen Stadien einer Anämie liefert das Blut dadurch den Sauerstoff sehr viel effizienter ins Gewebe. Jedoch, wie bei vielen schnellen Problemlösungen, die der Körper einsetzt, geht das dann irgendwann mal schief. Wenn das Blut immer weiter dünner und dünner wird, wird immer weniger mit Sauerstoff aufgeladenes Hämoglobin an die Gewebezellen geliefert. Das Ergebnis ist ein Sauerstoffmangel auf der zellulären Ebene. Aber der Körper ist immer noch nicht willig aufzugeben, er hat immer noch einige Tricks im Ärmel:

1. Erhöhung des Blutausstoßes des Herzens pro Minute.

Die Menge an Blut, die das Herz durch sich selbst pumpt pro Minute nennt man den kardialen Ausstoß. In einem normalen Ruhezustand pumpt das Herz ungefähr 5 Liter Blut pro Minute. Das bedeutet, dass das Herz leicht dazu in der Lage ist, die gesamte Blutmenge des Körpers in einer Minute durch die Herzkammern zu pumpen. In Wirklichkeit ist es sogar noch zu viel mehr fähig. Wenn die Anforderung an die Sauerstoffmenge steigt, wie das während eines starken körperlichen Trainings der Fall ist, kann das Herz seinen Ausstoß vervielfachen bis hin zu 30 Litern pro Minute.

Das funktioniert, indem es nicht nur die Anzahl der Herzschläge pro Minute erhöht (Herzschlagrate), sondern auch die Blutmenge, das Herzschlagvolumen. Mathematisch kann der kardiale Ausstoß berechnet werden, indem man die Herzschlagzeit mit dem Herzschlagvolumen multipliziert. Bei der Anämie erhöht sich der kardiale Ausstoß, und das ermöglicht es dem Hämoglobin, auch dem äußeren Gewebe verfügbar zu sein und gleicht damit die verminderte Hämoglobinkonzentration aus. Mit der Tatsache, dass sich die Herzschlagrate erhöht, haben wir eines der Hauptsymptome einer Anämie vor uns, die Tachykardie oder das Herzrasen.

Das Herz ist aber nicht alleine bei seiner Arbeit, den kardialen Ausstoß zu erhöhen. Es benötigt die Unterstützung des äußeren Gewebes und des Blutes selber. Wenn sich im Körper nichts außer dem Blutausstoß und dem Schlagvolumen des Herzens ändert, dann versucht das Herz, das Blut schneller in starre, unbewegliche Blutgefäße zu pumpen. Das ist vergleichbar mit dem Versuch, ein dickflüssiges Spülmittel aus seinem Behälter zu bekommen, indem man den Behälter fester anstößt.

Die einzige Möglichkeit, dass das Mittel schneller herausfließt ist aber, den Druck zu erhöhen. Analog dazu im Körper, um mehr Blut durch ein unnachgiebiges Blutgefäß zu drücken, ist ein höherer Blutdruck erforderlich. Ein höherer Blutdruck veranlasst, das Herz wiederum dazu, härter zu arbeiten, denn es muss gegen eine Hochdruckspitze anpumpen, vergleichbar mit einem Muskel, der härter arbeiten muss, um ein schweres Gewicht anzuheben. Es ist klar, dass das nicht das Beste für den Körper ist.

Glücklicherweise halten zwei Faktoren den Blutdruck davon ab, zu hoch anzusteigen. Der erste ist die Zähflüssigkeit des anämischen Blutes. Zähflüssigkeit ist eine Beschaffenheit, die es einer Flüssigkeit erlaubt, dem Druck einen höheren Widerstand entgegenzusetzen beim Durchfluss durch einen Kanal oder eine Öffnung. Dünnes, anämisches Blut ist weniger zähflüssig als normales Blut und kann daher mit weniger Druck durch das Aderngeflecht gepumpt werden.

Der zweite Grund sind die Blutgefäße selber. Die Wand jeder kleinen Arterie oder Vene enthält eine oder mehrere Muskelschichten, die in der Lage sind, sich auf Nervensignale hin zusammenzuziehen. Dies veranlasst die Adern, sich enger zusammenzuziehen und dem Blutfluss mehr Widerstand entgegenzubringen. Andere Nervenimpulse verursachen eine Muskelentspannung, veranlassen die Adern, sich weiter zu öffnen, und erlauben dadurch wiederum, dass mehr Blut durchfließt mit weniger Widerstand. Bei einem anämischen Patienten sendet das Gehirn Signale an die Muskeln um die kleinen Blutgefäße herum und gibt ihnen den Impuls, sich zu entspannen und zu öffnen. Das Ergebnis ist ein verringertes Hindernis für den Blutfluss. Daher, aufgrund des niedrigeren peripheren Gefäßwiderstandes und durch die Verdünnung, also weniger zähflüssigem Blut, kann der kardiale Blutausstoß des Herzens ansteigen, ohne gleichzeitig den Blutdruck mit hochzutreiben.

2. Umverteilung des Blutflusses

Die verschiedenen Körperorgane sind in der Lage, "untereinander in Verhandlung" zu treten, wenn schlechte Zeiten kommen. Im Fall einer Anämie arbeiten alle Organe zusammen, um die beiden Organe des Körpers zu schützen, die am meisten Sauerstoff benötigen: Das Gehirn und das Herz. Bekommen diese Organe nicht ausreichend Sauerstoff, bekommt der Rest des Körpers echte Probleme.

Glücklicherweise gibt es zwei andere Organe, die ohne annähernd soviel Blut auskommen wie sie in guten Zeiten erhalten. Das erste ist die Haut. Als Antwort auf eine Anämie ziehen sich die winzigen Blutgefäße der Haut zusammen und verursachen damit einen größeren Widerstand gegenüber dem Blutfluss als in den lebenswichtigen Organen vorhanden ist.

Nachdem das aus dem Herzen herausgepumpte Blut vorzugsweise den Weg des geringsten Widerstands geht, fließt es durch die lebenswichtigen Organe sehr viel schneller als durch die Haut mit den verengten Blutgefäßen. Das Ergebnis ist eine teilweise Ablenkung des Blutes von der Haut weg zu den anderen Organen.

Das zweite Organ, das auf seinen Blutanspruch verzichtet, ist die Niere. Nun ist die Niere ganz sicherlich ein lebenswichtiges Organ, aber sie ist normalerweise mit wesentlich höherem Blutdurchfluss ausgestattet als sie wirklich benötigt, um zu überleben und korrekt zu funktionieren. Beide Nieren zusammen wiegen ungefähr 1/2 bis 1 Prozent des totalen Körpergewichts. Aber sie erhalten 20% des kardialen Ausstoßes. Gramm für Gramm umgerechnet erhalten dann die Nieren 50 Mal die Menge des kardialen Ausstoßes des ganzen Körpers. Es ist klar, dass sie zugunsten ihrer anderen Mitorgane einiges von dieser Menge abgeben können, und als einen Teil der Anpassung des Körpers an die Anämie tun sie das auch.

Die Umverteilung des Blutflusses von der Haut weg verursacht eines der klinischen Hauptanzeichen einer Anämie: die Blässe. Blässe ist die weiße Haut, die bei dünnhäutigen anämischen Personen beobachtet werden kann und bei allen anämischen Personen in den Schleimhäuten und Nagelbetten, dünnhäutig oder nicht. Anämische Patienten sind nicht blass weil ihre Haut dünn ist, sondern weil ihr Blut dünn ist (anämisches Blut ist genauso dunkelrot gefärbt wie normales Blut), aber aufgrund der Umverteilung des Blutstroms ist weniger davon in der Haut vorhanden, und die blasse Farbe des menschlichen Gewebes schaut durch.

Abnahme der Hämoglobin-Sauerstoff-Affinität.

Zuvor haben wir besprochen, wie die Affinität (oder die "Willigkeit" sich zu binden) zwischen Sauerstoff und Hämoglobin sich ändert mit der Anzahl der Sauerstoffmoleküle, die gewonnen oder verloren werden durch das Hämoglobin. Es stellt sich heraus, dass die Hämoglobin-Sauerstoff-Affinität ebenso gut auch von anderen Chemikalien durchgeführt werden kann. Da ist eine einfache organische Säure, genannt 2,3-diphospholglycerate (2,3-DPG), die innerhalb der roten Zellen und unter anämischen Bedingungen großzügig verteilt wird. Diese 2,3-DPG-Säure veranlasst das Hämoglobin den Sauerstoff weniger gierig an sich zu binden und soviel wie möglich an das ausgehungerte Gewebe abzugeben. Natürlich ist die andere Seite der Medaille, dass es für die Lunge schwieriger ist, Sauerstoff aufzunehmen. Aber das Atmungssystem ist nicht die Hauptsorge eines anämischen Patienten: Etwas im Körper muss verzichten, und das gesunde System endet damit, den Mangel für das kranke auszubaden.

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