weißeRosebyBirgitLötzerichEines Tages kommt für jeden Katzenfreund der schwere Tag, an dem es heißt, Abschied zu nehmen von seinem geliebten Tier. Das allein ist schon mehr als schlimm, das weiß jeder zu bestätigen, der es durchgemacht hat. Den treuen Lebensgefährten loslassen zu müssen - das kostet Kraft. Wie viel mehr Kraft jedoch bedarf es, wenn die Entscheidung über Leben und Tod plötzlich in unserer Hand liegt!

Ich werde ihn nie vergessen, den Tag, als der Tierarzt mir damals nach monatelanger Behandlung meines ersten Katers Pinky mitteilte: “Sein Zustand hat sich rapide verschlechtert, wir tun ihm keinen Gefallen mehr, wenn wir ihn länger dieser Krankheit aussetzen!”
Sicher, ich hatte es ja seit Monaten gewusst, dass die Nierenzellen nun einmal nicht wieder herzustellen waren und ich mich darauf einstellen musste, dass mein geliebter Kater, der 16 Jahre meines Lebens mit mir geteilt hatte, vielleicht nicht mehr lange an meiner Seite sein würde. Aber letztlich hatte ich mich von Behandlung zu Behandlung an dem Strohhalm der Hoffnung festgeklammert, dass mir noch eine Zeit des Abschieds bleiben würde. Dann kam der Tag, an dem diese Zeit vorüber war und ich plötzlich in der Tierklinik vor die Entscheidung gestellt wurde, Pinky eine Zeit der Qual zu ersparen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und völlig unvorbereitet. Alles in mir schrie: NEIN!! Ich wollte nicht loslassen. Aber ich wußte: Aus Liebe zu diesem treuen Gefährten musste ich es tun, ich musste loslassen. Ich durfte nicht zulassen, dass er weiter leiden musste, nur damit ich ihn bei mir hatte.

Eigentlich war ich völlig neben mir, und doch fand ich die Stärke, dem Drängen des Tierarztes, es gleich zu “erledigen”, nicht nachzukommen. Dafür bin ich im Nachhinein sehr dankbar. Ich erklärte ihm, dass ich jetzt nichts vorbereitet hätte, denn eines stand absolut für mich fest: Niemals würde ich meinen Kater der Klinik und der Tierkörperverwertung überlassen! Ich nahm Pinky also noch ein letztes Mal mit nach Hause.

Was eigentlich nie der Fall war, an diesem Tag war es so: Ich war allein mit Pinky in die Klinik gefahren. Die Behandlungen waren schließlich bereits zur Routine geworden und wir rechneten nicht mit der Entscheidung der Euthanasie-Frage. Unter Tränen saß ich nun in meinem Wagen und kämpfte mich durch den Stadtverkehr, den weiten Weg bis nach Hause, neben mir mein geliebter Kater, der nicht wußte, dass es sich letztlich nur noch um einen kurzen Aufschub handelte.

Zuhause angekommen weinte ich so bitterlich, dass Pinky sofort zu mir kam, um mich zu trösten. Er stupste mich an, als wollte er sagen: “Sei nicht traurig, es ist Zeit für mich zu gehen!” Nie werde ich diesen Moment des innigen Zusammenseins vergessen!!! Und niemals möchte ich diese letzten Momente missen.

Natürlich war ich mir bewusst, dass es nun wieder eine Anstrengung für Pinky sein würde, noch einmal den Weg zur Klinik zurückzulegen. Und die Vorstellung, dass er dort völlig klinisch und steril auf dem Tisch seinen letzten Atemzug machen sollte - zwischen zwei Routinebehandlungen anderer Tiere - fand ich auch mehr als abschreckend. Daher entschloss ich mich, im Telefonbuch nach einem Tierarzt in der Nähe zu suchen, der vielleicht bereit wäre, zu uns nach Hause zu kommen, damit Pinky in seiner vertrauten Umgebung in Ruhe einschlafen könnte. Gesagt - getan: Ein mir noch nicht bekannter Tierarzt aus einem Nachbarort, erklärte sich sofort bereit, am nächsten Morgen - es war ein Samstag - zu uns zu kommen. Ich war sehr dankbar.

Dann gingen wir los und besorgten die Materialien, die wir benötigten, einen Tiersarg zu bauen. Da wir damals noch kein eigenes Grundstück hatten, bat ich meine Eltern, dass wir Pinky bei ihnen im Garten beerdigen dürften. Sie stimmten auch gleich zu. Und da wir ihn nicht einfach so in die Erde legen wollten, zimmerten wir ihm einen Sarg - das erste Stück Trauerarbeit. Dann grub ich das Loch mit meinen eigenen Händen in die Erde - das zweite Stück Trauerarbeit.

Den Rest des Tages verbrachten wir natürlich ausschließlich mit Pinky. Am nächsten Morgen kam der Tierarzt wie verabredet. Ein kurzer Blick auf den Kater reichte aus, um zu bestätigen, dass es an der Zeit war. Dieser Arzt war so mitfühlend! Er sagte mir, ich könne meinen Kater bei der Spritze auf dem Arm halten, dann könne er in Ruhe und Geborgenheit einschlafen. Er teilte mir noch mit, dass die Spritze brennen würde und ich mich nicht über mögliche Reaktionen erschrecken sollte, aber mein tapferer Pinky war Spritzen inzwischen gewöhnt. Er machte keinen Mucks.
Sehr schnell bemerkte man die einsetzende Wirkung, bereits nach kurzer Zeit war Pinky nicht mehr bei Bewusstsein. Wir legten ihn dann auf sein großes Kissen auf dem Sofa, und der Tierarzt gab ihm die zweite Spritze, die schließlich sein Herz zum Stillstand brachte...

Nachdem er Pinkys Tod festgestellt hatte, verabschiedete sich der Tierarzt und ließ uns mit unserer Trauer allein. Wir hatten nun alle Zeit der Welt, unseren Kater zu beweinen, ihn zu berühren und zu umarmen. Dann legten wir ihn in die eigens für ihn gezimmerte Kiste, wo wir ihn noch lange betrachten konnten - das dritte Stück Trauerarbeit..

Auch Kitty, seine Lebensgefährtin über all die Jahre hinweg, kam, schnupperte an dem leblosen Körper und schien sich davon zu überzeugen, dass er nun gegangen war. Die Tiere spüren, dass ihr Gefährte nun nicht mehr lebt, und es ist davon auszugehen, dass dieses Begreifen sie besser mit dem Verlust umgehen lässt.

Erst lange Zeit später, als ich meine Fassung wieder einigermaßen erlangt hatte, fuhren wir mit der Kiste zu meinen Eltern und legten sie in die Erde. Ich schaufelte das Grab wiederum mit eigenen Händen zu, und schrieb aus kleinen Kieselsteinen seinen Namen und den Tag seines Todes auf den Erdhügel - das vierte Stück Trauerarbeit.

Warum ich das alles hier erzähle? Es erreichen mich immer wieder Mails von Tierfreunden, die sehr darunter leiden, dass ihre Katze in ihrer Abwesenheit in der Tierklinik gestorben ist. Oder Menschen berichten mir, dass sie zum Zeitpunkt der schweren Entscheidung zur Euthanasie nicht die Kraft aufbrachten, dieser dann auch beizuwohnen. Viele von ihnen machen sich große Vorwürfe, ihr Tier in den letzten Minuten allein gelassen zu haben. Manche können es sich auch nach vielen Jahren immer noch nicht verzeihen.

Ich möchte mit diesem Bericht versuchen, den Menschen, die diese Entscheidung vielleicht in nächster Zeit vor sich haben werden, die Angst vor diesem Moment zu nehmen. Der Schmerz wird nicht leichter oder erträglicher, wenn man die Augen verschließt und hinausgeht. Im Gegenteil. Die Berichte der Leute, die aus Angst so gehandelt haben oder durch die Umstände (Tod in der Klinik) davon abgehalten wurden, beim Tod ihres Vierbeiners anwesend zu sein, lehren uns das Gegenteil: Die Schuldgefühle quälen über Jahre hinweg.

Ich persönlich bin sehr dankbar für die Art und Weise, wie mein Kater damals sterben durfte. Und als es ein Jahr später soweit war, dass wir im Bezug auf Kitty dieselbe Entscheidung zu treffen hatten, wiederholte sich das ganze Prozedere fast bis ins kleinste Detail. So wie bei jedem weiteren unserer bis heute verabschiedeten Tiere, soweit es die Umstände zuließen.

Und ich kann nur jedem raten, sich dieses Stück Trauerarbeit zuzugestehen, denn es hilft, den Verlust des geliebten Wesens zu verarbeiten. Und selbst wenn es uns nicht helfen würde - sind wir es unseren treuen Freunden nicht schuldig, sie im letzten Augenblick nicht allein zu lassen? Ich denke schon!

© Birgit Lötzerich, in memory of Pinky & Kitty

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