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Zahnschmerzen

Hat meine Katze Zahnschmerzen? Dies ist eine Frage, die sich nicht einfach beantworten lässt. Sicher ist jedenfalls, dass sich eine Katze nicht mit einem „mir tut der  linke obere Reißzahn weh“ melden wird. Somit geht die Verantwortung einer sorgfältigen Beobachtung und richtigen Diagnose an den Besitzer bzw. an den untersuchenden Tierarzt.

Symptomatik von Zahn-, Mund- und Kiefererkrankungen

Was kann uns nun einen Hinweis darauf geben, dass Probleme in der Mundhöhle vorliegen? Finden sich Blutungen aus der Mundhöhle oder abgebrochene Zahnfragmente, so ist die Problematik schnell lokalisiert. In der Regel aber sind solch offensichtliche Befunde nicht vorhanden, die Auffälligkeiten sind eher unspezifischer Natur.

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zahn2

Abb. 1
Gingivitis (Zahnfleischentzündung)
in Ober- und Unterkiefer.

Abb. 2
Sich auf umliegende Gewebe ausweitende Gingivitis in Ober- und Unterkiefer der Katze.


Bei der Nahrungsaufnahme kann sich dieses zeigen durch Fallenlassen des Futters, erschrecktes „Aufschreien“ beim Fressen oder einfach nur in einer geringeren Futteraufnahme. Auch die plötzliche Vorliebe für nur Hart- oder nur Weichfutter kann ein Indiz sein. Vermehrtes Speicheln mit verklebtem Fell kann weiterhin auf einen krankhaften Reiz in der Mundhöhle hinweisen. Andere  Symptome sind der Versuch, mit der Pfote in die Mundhöhle zu kommen, wiederholtes Streichen mit der Pfote über das Gesicht oder das Entlangstreifen des Kopfes am Teppich oder an Gegenständen. Spezifischere Auffälligkeiten sind Kopfschieflegen beim Fressen infolge einseitigen Kauens oder Zähneknirschen. Durch den langsamen, chronischen Charakter vieler Erkrankungen in der Mundhöhle sind Hinweise darauf jedoch leider häufig versteckt in einer unauffälligen, schleichenden Verhaltensänderung.

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Abb. 3
Sondierung einer infolge Knochenabbaus freiliegenden Wurzelteilungsstelle des dreiwurzeligen oberen Reißzahnes. Aufgrund der neu entstandenen Schmutznische zwischen den Wurzeln entsteht ein nicht kontrollierbarer Entzündungsherd
.


Die häufig unspezifische Symptomatik zeigt deutlich, dass eine detaillierte Untersuchung der Mundhöhle der einzige Weg ist, Erkrankungen der Zähne und Kiefer zu erkennen. Aufgrund der meist im Bereich der Wurzeln liegenden Problematik ist es in der Regel unumgänglich Einzelzahnröntgenaufnahmen anzufertigen. Durch diese können bei ca. 40% der Katzen sogar wichtige, zusätzliche und behandlungsbedürftige Befunde an klinisch unauffälligen Zähnen erhoben werden. Dieses zieht für den Tierarzt ein hohes Maß an Verantwortung nach sich, der aus dem Vorbericht des Besitzers sowie der klinischen Mundhöhlenuntersuchung auf die Ursache der oralen Problematik schließen und ggf. allein schon zur weiteren Diagnostik eine Narkose durchführen muss.

Parodontitis

Die häufigste Erkrankung in der Mundhöhle der Katze ist die Parodontitis. Dabei handelt es sich um eine Erkrankung des Zahnhalteapparates, bei welcher das Zahnfleisch sich entzündet und der Stützapparat der Zähne verloren geht. Zu dem betroffenen parodontalen Stützapparat zählen neben dem Zahnfleisch der Kieferknochen, der Wurzelzement und die parodontalen Fasern, durch welche der Zahn im Zahnfach aufgehängt ist. Eine Parodontitis beginnt in der Regel im Alter von zwei Jahren bei knapp dreiviertel aller Katzen und geht bei fehlender Zahnpflege häufig in eine hochgradige Entzündung über.

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Abb. 4
Hochgradige Parodontitis im Unterkiefer. Aufgrund eines permanenten entzündlichen Reizes hat ein Abbau des Kieferknochens stattgefunden, auf welchen auch ein Rückgang des Zahnfleisches folgt
.


Es bilden sich neue Schmutznischen vor allem in den Bereichen zwischen den Wurzeln eines Zahnes, wenn sich der Knochen aufgrund der Entzündung von dort zurückgezogen hat. Die Entzündung etabliert sich und die Zähne verlieren ihre Funktion. Weitet sich eine solche Entzündung auf benachbarte Schleimhautareale aus, kann die Futteraufnahme zur Qual werden. Es gibt unterschiedliche Formen einer Parodontitis, die von langsamen, chronischen Verläufen bis hin zu einer hochakuten, schnellen Destruktion des Zahnhalteapparates mit hochgradiger Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens reichen.

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Abb. 5
Röntgenbild einer Parodontitis im Unterkiefer. Es hat ein genereller Knochenabbau stattgefunden, die Wurzeln stecken nur noch zur Hälfte im Kieferknochen. Die hintere Wurzel des Reißzahnes weist Resorptionen auf.


Generalisierte Entzündungen der Mundhöhle finden sich in Zusammenhang mit solchen Parodontitiden oder aber auch auf Grundlage einer viralen Infektion, die es abzuklären gilt. Insbesondere bei FIV- oder FeLV-Erkrankungen können sich aufgrund des gestörten Immunsystems persistierende, therapieresistente Entzündungen entwickeln. Problematisch ist häufig das Zusammentreffen vieler zu einer Entzündung beitragenden Ursachen in der Mundhöhle, welches eine kausale Behandlung erschwert.

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Abb. 6
Hochgradige Parodontitis eines oberen Fangzahnes. Die Wurzel ist vollständig mit Zahnstein und Be- lägen bedeckt, in der Umschlagfalte fistelt der Prozess der Wurzel in die Mundhöhle. Die Nasenhöhle war auf- grund der Nähe zur Wurzel in den Prozess mit einbezogen.

Abb. 7
Hochgradige Parodontitis mit entzündlichen Veränderungen des gesamten Zahnfleisches. Das
Zahnfach des Oberkiefercaninus ist
 völlig zerstört, der Zahn ist nur noch am (höchstgradig entzündeten) Weichgewebe mit dem Zahn-
halteapparat verbunden.


In 90% aller Fälle jedoch ist das Vorhandensein einer Unmenge von Bakterien in den weichen Zahnbelägen die Ursache für die Entstehung einer Parodontitis. Aufgrund dieser Bakterien, die sich in dickeren Belägen um so besser vermehren können, löst sich der einst dichte Verbund von Zahn- und Zahnfleisch. Schädigende Einflüsse können fortan auf Kieferknochen, Wurzelzement und Parodontalfasern einwirken. Ab diesem Zeitpunkt ist eine reine Zahnsteinentfernung Augenwischerei, ohne Parodontalbehandlung mit Reinigung der Wurzeln kann man der Entzündung nicht Herr werden. Wichtig ist vor allem die konsequente Mitarbeit des Tierhalters, der mittels geeigneter Maßnahmen die Mundhygiene verbessern kann.

Beeinträchtigung der Allgemeingesundheit

Ausgehend von dem chronisch-entzündlichen Geschehen an Zähnen und Kiefer werden weitere Organe mit einbezogen. Herzklappenfehler und chronische Leber- und Nierenerkrankungen sind bevorzugte Folgen nicht behandelter Herderkrankungen in der Mundhöhle.

Zahn8

Abb. 8
Eine hgr. Bakterielle Belastung der Mundhöhle sowie ein geschwächtes Immunsystem können zur Ausweitung parodontaler Entzündungen auf die übrigen Mundschleimhäute unter Einbeziehung des Rachens führen. Schmerzhafte Entzündungen im Rachenraum können die Futter-
aufnahme beeinträchtigen
.


Prophylaxe und Behandlung

Einer Parodontitis kann vorgebeugt werden, auch wenn häusliche Zahnpflege bei der Katze sich nicht so einfach gestaltet wie beim Hund. Wenn es aber möglich ist, seiner Katze die Zähne zu putzen, so sollte man dieses tun. Denn dadurch bleiben nicht nur die Zähne gesund, man verhindert auch Folgeerkrankungen anderer Organe. Ist Zähneputzen nicht möglich, so sollte in regelmäßigen Intervallen eine professionelle Zahnreinigung beim Tierarzt durchgeführt werden. Wie schon gesagt, umfasst dieses jedoch nicht nur das Entfernen von Zahnstein, sondern die Mitbehandlung der Wurzel. Aufgrund der Häufigkeit der Problematik sollte bei Verdacht eine Sondierung betroffener Zähne erfolgen, um vergrößerte Taschentiefen feststellen zu können. Liegen diese vor, sollten in jedem Fall bei Behandlung unter Narkose Einzelzahnröntgenaufnahmen angefertigt werden, um die Erhaltungswürdigkeit der Zähne festzustellen, damit nicht letztendlich ein schädigender Einfluss zurückbleibt.

Die Parodontitis der Katze ist nur eine von möglichen Erkrankungen in der Mundhöhle der Katze, welche gesamt gesehen die häufigsten Krankheiten der Katze überhaupt sind (Ergebnis einer Studie mit 15 000 Katzen). Mithilfe eines aufmerksamen Besitzers sowie geeigneter Untersuchungsmaßnahmen durch den Tierarzt lassen sich viele dieser Erkrankungen erkennen und so behandeln, dass die Lebensqualität erhalten bleibt.

Mit freundlicher Genehmigung von:
Dr. Markus Eickhoff
Tierarzt und Zahnarzt
Tierärztliche Praxis für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Iptinger Str. 48
71287 Weissach
Tel: 07044 9095966
Fax: 07044 9095968
Mail: praxis@vet-dent.com
Web: www.vet-dent.com

 

Weiterführende Themen:

 

Video zum Thema:


 

 

Buchtipps zum Thema:

 

“Das Katzenzahnbuch” von Markus Eickhoff

Vom selben Autor wie das zuvor genannte Fachbuch wurde auch dieser Ratgeber verfasst, der sich direkt an den Katzenhalter wendet: Als eher unabhängige und manchmal eigensinnige Wesen sind die meisten Katzen in ihren Schmerzäußerungen sehr zurückhaltend. Somit werden gerade Erkrankung der Maulhöhle vom Besitzer häufig zu spät wahrgenommen, obwohl Schädigungen des Zahnhalteapparats, FORL oder Mundhöhlentumoren zu den häufigen Katzenkrankheiten gehören.
Mit diesem Ratgeber gibt der erfahrene Tierarzt und Zahnarzt Dr. med. vet. Markus Eickhoff, der im Raum Stuttgart eine Tierärztliche Fachpraxis für Zahn-, Mund- und  Kieferheilkunde führt, dem interessierten und verantwortungsbewussten Halter einen Überblick über die zahlreichen Zahnkrankheiten der Katze und klärt über den Aufbau von Katzenzähnen auf. Er hilft, Schädigungen früh zu erkennen, erklärt mögliche Therapieverfahren anschaulich anhand zahlreicher Bilder und gibt umfangreiche Tipps zur Vorsorge.

(Broschierte Ausgabe, 103 Seiten, Paray, ISBN 3830441940, 19,95 EUR)

Karo 

 

“Zahn-, Mund- und Kiefernheilkunde bei Klein- und Heimtieren” von Markus Eickhoff

Für jede Problemstellung erhält der Leser Schritt für Schritt das Wissen für die Diagnose, die Therapie und dazu wichtige Entscheidungshilfen. Parallel dazu profitiert man von Hintergrundinformationen, die dabei unterstützen, Theorie und Praxis miteinander zu verknüpfen. Aufschlussreiche Bildreihen erklären die Arbeitsabläufe.
Aus dem Inhalt:

        • Zahnmedizinischer Untersuchungsgang
        • Dentales Röntgen
        • Zahnschmerz erkennen
        • Dentale Prophylaxe
        • Das erkrankte Parodont
        • Zahn- und Kieferfrakturen
        • Extrakapitel zu Heimtieren
        • Extrakapitel zu Jungtieren
        • Einsatz der Instrumente und Füllmaterialien
        • Tumoren (maligne orale Tumoren, Fibrosarkom, Melanom, Plattenepithelkarzinom...)
        • und andere Erkrankungen des Mundraums
        • Im Kapitel “Katze spezial” werden wichtige Erkrankungen wie FORL, Eosinophiler Granulomkomplex, Feline chronische Gingiva Stomatitis behandelt.

(Broschierte Ausgabe, 250 Seiten, 2005, Enke, ISBN 3830410387, 64,95 EUR)

 

(letzte Änderung dieser Seite: 28 Mai, 2014)


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