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Pausenlos auf Hochtouren - von Tierärztin Barbara Welsch - Die Schilddrüse stellt das lebenswichtige Hormon Thyroxin her. Es steuert Wachstum und Entwicklung der Kätzchen und bringt bei der erwachsenen Katze den Stoffwechsel in Schwung. Ein Übermaß an Thyroxin jedoch treibt die Organe so unerbittlich zu Höchstleistungen an, daß die Reserven der Katze bald erschöpft sind, wenn der Tierarzt nicht eingreift. Die meisten Besitzer sind anfangs erfreut: Ihrer schon etwas älteren Katze merkt man auf einmal die Jahre nicht mehr an. Der Stubentiger hat einen gewaltigen Appetit und ist lebhaft wie nie zuvor. Doch nach einigen Wochen weicht die Freude der Sorge, denn gleichgültig, wieviel Nahrung das Tier zu sich nimmt, es verliert dramatisch an Gewicht. Die Katze trinkt wesentlich mehr als früher, sie erbricht sich häufig, ihr Fell wird stumpf und manchmal hechelt sie. So oder so ähnlich lautet der Vorbericht, den der Tierarzt zu hören bekommt, wenn ihm eine Katze mit einer Schilddrüsenüberfunktion (Fachbegriff: Hyperthyreose) vorgestellt wird Die Schilddrüse ist ein Organ am Hals in der Nähe des Kehlkopfes. Beim gesunden Tier ist sie so klein, daß man sie weder sehen noch tasten kann. Ihre Zellen stellen das Schilddrüsenhormon Thyroxin her und schütten es direkt ins Blut aus. Über die Blutbahn gelangt das Thyroxin zu allen Organen. Bei der Untersuchung in der Praxis stellt der Tierarzt weitere Symptome fest. Das Herz der Katze rast, sie ist unruhig und gleichzeitig schwach. Manchmal kann er eine vergrößerte Schilddrüse ertasten. Doch ohne eine Blutuntersuchung zur Bestimmung des Schilddrüsenhormons Thyroxin im Blut bleibt die Diagnose vage. Eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs ergänzt die Untersuchung. Mittels Ultraschall und Szintigraphie kann man die Schilddrüse sogar sichtbar machen. Doch beide Untersuchungsmethoden erfordern teures medizinisches Gerät und Spezialwissen, sodaß sie in der normalen Tierarztpraxis nicht angewandt werden. Das Schilddrüsenhormon Thyroxin erfüllt, wie andere Hormone auch, lebenswichtige Aufgaben im Körper. Hormone sind die Botenstoffe des Organismus. Sie wirken bereits in äußerst geringen Mengen und regeln die reibungslose Zusammenarbeit der Organe, Muskeln und Nerven miteinander. Thyroxin ist vor allem für die Steigerung des Stoffwechsels verantwortlich, d.h., es fördert die Verbrennung von Zucker und Fett, um Energie zu gewinnen. Diese Energie wird gebraucht, damit Organe, Muskeln und Nerven, kurz der ganze Organismus, arbeiten können. Auch eine Unterfunktion hat fatale Folgen Zu wenig Thyroxin führt also zu einem Mangel an Energie, was während des Wachstums fatale Folgen hat. Jungtiere, denen das Schilddrüsenhormon fehlt, bleiben in ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung zurück. Erwachsene Tiere machen einen schlappen Eindruck, suchen Wärme und werden dick, da das Körperfett nicht mehr abgebaut wird. Bei Katzen ist der Mangel an Schilddrüsenhormon allerdings extrem selten. Anders die Schilddrüsenüberfunktion. In den USA gehen die Tierärzte sogar davon aus, daß es sich bei der Hyperthyreose um die häufigste Hormonstörung bei älteren Katzen handelt. Meist steckt eine gutartige Gewebewucherung der Schilddrüse hinter der Erkrankung. Doch so gutartig die Wucherung auch sein mag - sie hat große und letztlich auch lebensbedrohliche Wirkungen. Denn das im Übermaß im Körper kreisende Thyroxin treibt die Organe unbarmherzig zur Arbeit an. Sie laufen pausenlos auf Hochtouren. Unter enormem Sauerstoffverbrauch werden Fette und Kohlehydrate so schnell verbrannt, daß die Katze mit der Futteraufnahme nicht mehr Schritt halten kann. Sie hungert trotz des gefüllten Freßnapfes und magert rasant ab. Dieser Hungerzustand schädigt alle Organe. Gerade das Herz ist doppelt belastet, denn Thyroxin erhöht die Herzfrequenz, die Anzahl der Herzschläge pro Minute. Das Herz ist doppelt belastet Das “rasende” Herz aber braucht besonders viel Treibstoff in Form von Zucker und Sauerstoff - beides Mangelwaren beim Thyroxinüberschuß. Das Herz vergrößert sich und gerät aus dem Takt. Die Vergrößerung sieht der Tierarzt auf dem Röntgenbild des Brustkorbes und Herzrhythmusstörungen lassen sich im EKG beobachten. Aber auch Leber und Nieren werden in Mitleidenschaft gezogen. Doch den hyperthyreoten Katzen kann durch die Behandlung mit radioaktivem Jod geholfen werden. Die Strahlung vernichtet Schilddrüsenzellen und normalisiert den Thyroxinhaushalt. Das Entfernen der Schilddrüse durch eine Operation heilt in den meisten Fällen die Hyperthyreose, ist aber bei älteren Katzen nicht ohne Risiko. Risikoärmer ist die Behandlung mit dem Medikament Thiamazol, das Thyroxin hemmt. Die Tabletten müssen ein Leben lang täglich gegeben werden. Doch wer seine Katze konsequent behandelt, wird belohnt. Nach ein paar Wochen ist der Stubentiger wieder ganz der Alte.
Strahlend gesund Im Ruskin Animal Hospital in Florida werden Katzen mit einer Schilddrüsenüberfunktion erfolgreich mit radioaktivem Jod behandelt. (Anmerkung: Auch in der Uni-Klinik in Giessen wird diese Therapie inzwischen durchgeführt, Näheres siehe unten im letzten weißen Kasten!). Dr. Diana S. Ott und Dr. Hal E. Ott haben in der Tierklinik für diese Spezialbehandlung ein eigenes Zentrum eingerichtet: das Cat Thyroid Center. Radioaktiv - wem laufen bei diesem Wort nicht Angstschauer über den Rücken. Doch radioaktive Strahlen können
mehr als Unheil anrichten: Sie können heilen. In den vergangenen Jahren haben die Otts rund 250 Katzen behandelt und 95% ihrer Patienten geheilt. Der Vorteil der Therapie mit dem “strahlenden” Jod liegt darin, daß es nur ein- bis zweimal verabreicht werden muß und ohne Nebenwirkungen für die Katze ist. Allerdings muß die "strahlende” Katze so lange in Quarantäne, bis sie das radioaktive Jod auf natürlichem Weg wieder ausgeschieden hat, damit sie Unbeteiligte nicht verstrahlt. Im Cat Thyroid Center bemühen sich Tierärzte und Helfer, diese Zeit für die Katzen so angenehm wie möglich zu gestalten. Auf dem Speiseplan des Gourmet-Restaurants für die verwöhnte Katze können die Besitzer angeben, was ihrer Samtpfote das Wasser im Munde zusammenlaufen läßt. Sei es auch noch so ungewöhnlich, wie Oliven oder Honigmelone, fast jeder kulinarische Wunsch wird erfüllt. Nur lebende Mäuse oder Frösche verweigern die Otts ihren Patienten - das widerspräche ihren ethischen Grundsätzen. (aus: Geliebte Katze 7/2000, mit freundlicher Genehmigung.) N A C H T R A G :
Themenbezogene Links:
Buchtipp zum Thema: “Krankheiten der Katze” von den Professoren Horzinek, Schmidt u. Lutz Eines der beiden zweifellos umfassendsten und empfehlenswertesten veterinärmedizinischen
Nachschlagewerke im Hinblick auf die Katzengesundheit ist die 4. überarbeitete Auflage von “Krankheiten der Katze”, deren Hauptautoren die renommierten Professoren Marian C. Horzinek, Hans Lutz und Vera Schmidt
sind. Die dritte Auflage erschien 2003 und erfreute sich so großer Nachfrage, dass bereits zwei Jahre später eine 4. Auflage anstand, die somit auch gleich den neusten medizinischen Kenntnissen angepasst werden konnte. (Großformatige, gebundene Ausgabe, 880 Seiten, 2005, Enke Verlag, ISBN 3830410492, 149,90 EUR)
“Katzen Krankheiten” Band 1 + 2 von W. Kraft, U.M. Dürr und K. Hartmann Und hier haben wir das zweite der beiden zweifellos umfassendsten und empfehlenswertesten
veterinärmedizinischen Nachschlagewerke über die Krankheiten der Katze. Lange musste man auf diese 5. überarbeitete Ausgabe warten, endlich ist sie im Handel und hat gegenüber den früheren Auflagen eine ganz
erhebliche Erweiterung erfahren: Sie liegt erstmalig in zwei Bänden vor. Das zeigt nicht nur die erheblichen Erweiterungen, die die einzelnen Kapitel erfuhren, sondern spiegelt auch die geradezu sprunghafte Entwicklung
wider, die sich in den letzten Jahren auf allen Gebieten der Kleintiermedizin ergeben haben. (Gebundene Ausgabe, März 2003, Schaper Verlag, ISBN 3794401999, 168,00 EUR)
Weitere Buchtipps zum Thema Gesundheit:
(letzte Änderung dieser Seite: 05 Mai, 2010)
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